Die Kaiserpaläste auf dem Palatin
Nur 1x im Jahr öffnen sich die Tore.
Das erwartet Sie
Im Rest des Jahres gilt für Normalsterbliche in den Palaesten des Kaisers: „Betreten verboten!“ Einmal im Jahr aber, im Januar, gehört der Palatin kurz der ganzen Stadt. An den ludi Palatini, den Theaterspielen zu Ehren des Divus Augustus, ist der Palast-Hügel für wenige Tage geöffnet. Lassen Sie sich diese einmalige Gelegenheit nicht entgehen!
Sie werden den Hügel Ebene für Ebene besteigen – vorbei an Wachposten, die nur an diesen Festtagen das Publikum passieren lassen. Oben stehen Sie dann vor dem Apollo-Tempel. Was für einen Anblick bietet seine vergoldete Säulenhalle. Kaiser Augustus hat diesen Tempel hier errichtet – und damit eine Aussage verbunden. Palast und Tempel sind untrennbar verbunden. Der Gott Apoll residiert damit auf demselben Hügel wie er selbst. Zum Tempel gehören gleich zwei Bibliotheken: eine lateinische und eine griechische.
Hinter dem Tempel werden Sie mit dem Besucherstrom weiter zur Domus Flavia aufsteigen. Das ist der Staatspalast des Kaisers Domitian, erst vor wenigen Jahren fertiggestellt. Es tut uns leid: Diesen Bau werden Sie nicht betreten können. Aber vom Rand der Palastterrassen aus sehen Sie nach Südwesten: den Circus Maximus in seiner vollen Länge, 600 Meter, und dahinter die Hügel der Stadt.
Wenn Sie aufmerksam sind, werden Sie dann auch eine ganz besondere Sehenswürdigkeit bewundern können: die Höhle, in der die Wölfin die berühmten Zwillinge Romulus und Remus aufzog. Nicht weit davon: die casa Romuli („Haus des Romulus“). Höhle und Hütte sind so echt wie die Legende der Stadtgründung selbst. Wahrscheinlich werden Sie es kaum glauben können. Aber tatsächlich hat sich hier die sorgfältig aufbewahrte Originalhöhle erhalten. (Rechtlicher Hinweis: Bei den vorstehenden Angaben handelt es sich um werbliche Darstellungen, nicht um Zusicherungen im Rechtssinne.)
Vom Hügel des Palatin aus sehen Sie Rom dann wie die Kaiser: Sie stehen oben; die Stadt liegt Ihnen zu Füßen. Genießen Sie den Anblick, aber machen Sie sich klar: Es kann nur einen geben, der diesen Blick jeden Tag haben darf…
- Datum: Ludi Palatini im Januar
- Route / Ort: Palatin, Rom. Aufstieg von der Via Sacra über den Clivus Palatinus.
- Kleidung: Toga für männliche Bürger. Ein gepflegtes Auftreten ist das Minimum – man ist Gast des Kaisers, auch wenn man nur das Fest besucht.
- Hinweis: Die Palastgebäude sind nicht zugänglich. Jeder Schritt über die markierten Festbereiche hinaus wird von kaiserlichen Wachen bemerkt und bestraft.
Highlights auf einen Blick
- Ludi Palatini – Theaterstücke nach klassischem Spielplan; die einzige Gelegenheit im Jahr, den Hügel als gewöhnlicher Bürger zu betreten.
- Apollo-Tempel – Augustus' Heiligtum mit vergoldeter Säulenhalle und zwei prächtigen Bibliotheken (lateinisch und griechisch).
- Blick über den Circus Maximus – Von der Palastterrasse aus: 600 Meter Rennbahn direkt zu Füßen.
- Domus Flavia – Der Palast Kaiser Domitians in Sichtweite. Sein Thronsaal ist so monumental, dass kein Herrscherbau der Welt an ihn heranreicht.
- Casa Romuli – Die „originale“ Hütte des Stadtgründers, sorgfältig konserviert und öffentlich gezeigt.
Nutzerstimmen aus der Antike
Properz, Elegiae 2,31,1–2. Der Dichter Properz (ca. 50–15 v. Chr.) entschuldigt sich hier bei seiner Geliebten Cynthia für seine Verspätung damit, dass er sich in der neu eröffneten Anlage des Apollo-Tempels auf dem Palatin festgesehen hat.„Quaeris, cur veniam tibi tardior? – aurea Phoebi / porticus a magno Caesare aperta fuit.“
„Du fragst, warum ich später zu dir komme? Die goldene Säulenhalle des Phoebus [= Apollo] ist von dem großen Kaiser [= Augustus] eröffnet worden.“
Historischer Kontext
Vom Hirtenfeld zur Kaiserresidenz
Der Palatin hat allen „Palaesten“ der Welt den Namen gegeben – so eindrucksvoll war die von Kaiser zu Kaiser wachsende Anlage der römischen Herrscher. Doch die Geschichte des Hügels beginnt lange, bevor hier der erste Ziegelstein für einen Palast gesetzt wurde.
Die Archäologie hat gezeigt: Der Palatin ist der älteste besiedelte Hügel Roms. Seit dem 10. Jahrhundert v. Chr. lassen sich hier Spuren von Siedlungen nachweisen: primitive Hütten, Gräber, Feuerstellen. Wer damals auf diesem Hügel wohnte, wohnte strategisch gut: Er hatte Schutz, Überblick über die umliegenden Täler und Zugang zum Tiber.
Nicht zufällig verbindet sich mit diesem Hügel der Gründungsmythos der Stadt. Hier meinten die Römer, das Lupercal gefunden zu haben: die Höhle, in der die Wölfin (lupa) Romulus und Remus gesäugt haben soll. Und hier stand die casa Romuli – die angebliche Originalhütte des Stadtgründers, ein kleines Strohdachgebäude, das über Jahrhunderte sorgfältig gepflegt, nach Schäden immer wieder erneuert und der Öffentlichkeit gezeigt wurde. Die Römer hätten die Hütte abreissen können. Sie haben es nicht getan. Sie war ihnen zu wichtig, weil sie ihnen als Beweis galt: Hier hatte alles begonnen.
Später, in der Republik, war der Palatin die teuerste Wohnadresse Roms. Marcus Licinius Crassus, der reichste Mann der Stadt, lebte hier. Cicero, ihr berühmtester Redner, ebenso. Man wohnte auf dem Palatin, weil man es sich leisten konnte – und weil man von hier aus buchstäblich auf die Stadt hinunterblicken konnte.
Wie der erste Kaiser seinen Privathügel zum Machtzentrum macht
So ist es kein Zufall, dass auch der spätere erste Kaiser Roms auf dem Palatin geboren wurde: Octavian, der später den Ehrentitel Augustus tragen sollte.
Augustus war Adoptivsohn und politischer Erbe Caesars (jenes Caesars, dessen Ermordung Sie in einer anderen Zeitreise aus der Nähe verfolgen können). Nach dem Attentat folgte ein jahrelanger Bürgerkrieg um die Macht im Imperium. Erst mit seinem Sieg in der Seeschlacht von Actium gegen Marcus Antonius (31 v. Chr.) hatte Augustus freie Hand. Von da an regierte er faktisch als Alleinherrscher – auch wenn er sorgfältig darauf achtete, das Wort „König“ zu vermeiden. Der Senat gab ihm besondere Vollmachten; Augustus nannte sich princeps, „erster Bürger“. Das Spiel funktionierte vier Jahrzehnte lang.
Zurück zum Palatin: Nach dem Sieg von Actium begann Augustus, die Grundstücke dieses Hügels systematisch aufzukaufen. Was er nicht kaufen konnte, fiel ihm durch Heirat oder Erbschaft zu. Bald besaß er fast den ganzen Hügel. Sein eigenes Haus blieb dennoch demonstrativ schlicht: Er lebte in denselben Zimmern, die er schon als junger Bürger bewohnt hatte, und lehnte jeden Umbau ab. Der antike Geschichtsschreiber Sueton hebt das ausdrücklich hervor. Die Bescheidenheit war also politisches Programm – eine Bescheidenheit zum Vorzeigen.
Auch wenn Augustus' eigenes Haus bescheiden blieb, baute er auf dem Palatin etwas Entscheidendes: den Tempel des Palatinischen Apollo, eingeweiht 28 v. Chr. Der Komplex war weit mehr als ein Heiligtum: Er umfasste eine vergoldete Säulenhalle (porticus) und zwei Bibliotheken – eine griechische und eine lateinische. Die Säulenhalle und das Kaiserhaus waren baulich direkt miteinander verbunden. Der Gott Apoll und der Kaiser residierten auf demselben Hügel; Kult und Herrschaft lagen direkt beieinander. Auch das war ein Zeichen.
Das Fest, das die Tore öffnet
Nach dem Tod des Augustus (14 n. Chr.) richtete seine Witwe Livia die Ludi Palatini ein: jährliche Theaterspiele zu Ehren des nun offiziell „vergotteten Augustus“ (divus Augustus). Dieses Theater war in der Antike Unterhaltung für ein großes Publikum: Mimen, Komödien und derbe Sketche waren beliebt.
Diese Spiele fanden auf dem Palatin statt. Die Ludi Palatini sind damit das einzige Ereignis, von dem wir wissen, dass die breite Öffentlichkeit dabei den Hügel betreten durfte.
Wie Kaiser Domitian den größten Palast baut
Einige Jahrzehnte nach Augustus ließ Kaiser Domitian (81–96 n. Chr.) jenen Palast errichten, der dem Begriff palatium seine endgültige Bedeutung gab. Der Architekt Rabirius entwarf einen Komplex aus zwei ineinandergreifenden Teilen: die Domus Flavia mit den Staatsräumen und die Domus Augustana mit den Privatgemächern des Kaisers auf zwei Terrassen.
Der Thronsaal der Domus Flavia – die Aula Regia – maß etwa 30 mal 37 Meter; die Decke war auf eine Höhe von schätzungsweise 30 Metern gewölbt, getragen von Säulen aus phrygischem Marmor. Daneben lag der Jupiter-Speisesaal, dessen Böden aus Marmorplatten aus allen Provinzen des Imperiums zusammengesetzt waren. Auf der Südseite erstreckte sich eine langgestreckte Gartenanlage – Brunnen, Wege, Laubengänge für die privaten Spazierwege des Kaisers.
Den Bauten Domitians verdankt sich auch, dass das Wort palatium sich veränderte. Was zunächst nur der Name des Hügels gewesen war, wurde zum Begriff für den Herrscherbau selbst – und wanderte von da aus in alle europäischen Sprachen: palazzo, palace, palais, Palast. Auch wenn viele der Bauten heute zerstört sind: Die Sprache bewahrt das Gedächtnis an die Pracht der römischen Kaiser.
- 51 m – Höhe des Palatins über dem Forum Romanum.
- 28 v. Chr.: Einweihung des Apollotempels durch Augustus.
- ca. 92 n. Chr.: Vollendung der Domus Flavia und Domus Augustana unter Domitian.
- palatium → palazzo, palace, palais, Palast: Der Name des Hügels ist in alle europäischen Sprachen gewandert.
Rekonstruktion
KI-Rekonstruktion
Blick vom Circus Maximus auf den Palatin mit den Kaiserpalästen
Die KI-Rekonstruktion zeigt den Blick auf den Palatin – aus dem Blickwinkel, den ein Besucher des Circus Maximus gehabt haben könnte. Tatsächlich lag der große Circus Roms im Tal zwischen Palatin und Aventin. Seine langgestreckte Arena, die steinernen Zuschauerränge und die gewaltigen Dimensionen sind archäologisch gut erforscht. Auch die Struktur der Palastanlagen können wir in Grundsügen rekonstruieren: Terrassen, Stützmauern und repräsentative Fassaden sind archäologisch nachweisbar. Die exakte Ausdehnung einzelner Teile der Anlagen ist aber nicht vollständig rekonstruierbar. Das Bild zeigt daher nur eine Annäherung an die Art des Baus. Erst recht gilt das für die gezeigte Atmosphäre: Hinter Stein und Staub bleibt immer ein Raum, den in einer Rekonstruktion die Fantasie füllen muss.
Quellen & Weiterlesen
Weiter lesen, schauen und staunen
Primärquellen
- Dionysios von Halikarnassos: Antiquitates Romanae 1,79 (casa Romuli auf dem Palatin)
- Plutarch: Romulus 20,4 (casa Romuli nahe den Scalae Caci)
- Cassius Dio: Historiae Romanae 53,16,5 (casa Romuli)
- Properz: Elegiae 2,31 (Apollo-Tempel und vergoldete Säulenhalle auf dem Palatin)
- Sueton: Caligula 56–58 (Ludi Palatini; Ermordung Caligulas auf dem Palatin)
- Statius: Silvae 4,2 (Gastmahl bei Domitian auf dem Palatin)
Sekundärliteratur
- Beard, Mary: SPQR. Eine Geschichte des alten Rom. München: C. H. Beck, 2016.
- Coarelli, Filippo: Rom. Der archäologische Führer. 6. Aufl. Darmstadt: wbg Philipp von Zabern 2019.
- Holland, Tom: Dynastie: Glanz und Elend der römischen Kaiser von Augustus bis Nero, Stuttgart: Klett-Cotta 2024.
Internetquellen
- Roma Antiqua: Palatin. roma-antiqua.de/antikes_rom/palatin
- Learning Sites: Domitian’s Palace, 3D-Rekonstruktion. learningsites.com
- History in 3D: Palatine Hill (YouTube). youtube.com/watch?v=gTaW5__LU5I