Rekonstruktion: Aufrichtung des Obelisken auf dem Marsfeld, ca. 10 v. Chr. KI-Rekonstruktion
Rom · Campus Martius · ca. 10 v. Chr.

Augustus stellt die Uhr um

Dabei sein, wenn der Kaiser einen Obelisken aufrichten lässt.

Das erwartet Sie

Der Campus Martius („Marsfeld“) gehört normalerweise niemandem und allen. Hier trainieren die Legionäre, hier gehen die Bürger spazieren, hier reden die Redner. Wir laden Sie zu einem Tag ein, an dem alles anders wird. Schon jetzt steht einiges dafür bereit: ein Gerüst aus mächtigen Holzbalken, das die weite Ebene überragt, und darunter – viel wichtiger – ein Obelisk!

Er kommt natürlich nicht von hier: aus Ägypten, aus einer Stadt namens Heliopolis – der „Sonnenstadt“. Ein Pharao namens Psametik ließ ihn vor mehr als 500 Jahren schneiden. Rom war damals noch eine Kleinstadt. Heute herrscht hier der mächtigste Mann der Welt: Kaiser Augustus. Und er hat beschlossen, dass der Obelisk fortan die Hauptstadt seines Imperiums schmücken soll. So hat er den Obelisken den Nil hinunter verschifft und über das Mittelmeer gebracht. Jetzt liegt er bereit, aufgerichtet zu werden.

Dieser Obelisk ist ein Koloss: 22 Meter lang und so schwer wie 30 Elefanten. Ihn aufzurichten, wird die Kräfte hunderter Menschen kosten – und die geistige Leistung kluger römischer Ingenieure.

Kaiser Augustus hat das alles geplant. Dieser Stein soll mehr als eine Trophäe sein. Der Obelisk soll eine Uhr werden – genauer: ein Kalender. Sein Schatten, so haben die kaiserlichen Techniker berechnet, wird künftig genau am Geburtstag des Kaisers, dem 23. September, auf einen Altar in der Nähe fallen: die Ara Pacis, den Altar des Friedens. Was für eine Botschaft!

In wenigen Stunden wird der Obelisk stehen. Dann wird er die Tage messen, die Jahreszeiten anzeigen – und allen, die den Campus Martius betreten, stumm mitteilen, wem die Zeit gehört.

Praktische Hinweise
  • Ort: Campus Martius, Rom – das Marsfeld nördlich des Stadtzentrums
  • Hinweis: Halten Sie Abstand. Über 200 Tonnen Granitstein an Seilen aus Hanf verlangen Respekt vor der Physik – und vor dem Herrschaftsanspruch, der sie dirigiert.

Highlights

  • Die Aufrichtung: Ein Stein, 22 Meter hoch und über 200 Tonnen schwer, steigt am Horizont auf. Das größte Spektakel, das der Campus Martius je gesehen hat.
  • Ägypten in Rom – Dieser Stein ist älter als die Stadt selbst. Die Zeichen auf ihm – Hieroglyphen – liest in ganz Rom kein Mensch.
  • Die Ara Pacis – Am 23. September, dem Geburtstag des Kaisers, soll der Schatten des Obelisken auf den „Altar des Friedens“ fallen. Das hat Augustus so geplant.
  • Ein Stadtbild wird umgeschrieben – Mausoleum, Ara Pacis, Meridianzeiger: Augustus entwirft den Campus Martius als Zeichen einer neuen politischen Zeit. Die Republik ist zu Ende; die Zeit der Kaiser hat begonnen.

Nutzerstimmen aus der Antike

★★★★★

„Aegypto in potestatem populi Romani redacta – Soli donum dedit.“

„Nachdem Ägypten in die Herrschaft des Römischen Volkes gebracht worden war, hat er [diesen Obelisken dem Gott] Sol als Geschenk geweiht.“

Inschrift auf dem Sockel des Obelisken (CIL VI 702 = ILS 91), ca. 10 v. Chr. Der Text nennt keinen Verfasser – aber niemand zweifelt: Es ist die Stimme des Augustus, der die Botschaft in Stein meißeln ließ. Der Obelisk ist ein Geschenk an die Sonne.
★★☆☆☆

„Post sextum et vicesimum annum non convenisse ad calculum.“

„Seit sechsundzwanzig Jahren stimmt er nicht mehr.“

Plinius der Ältere, Naturalis Historia 36,72 (ca. 77 n. Chr.). Plinius beschreibt das Horologium Augusti mit Bewunderung – und fügt hinzu, dass der Obelisk als Sonnenkalender nach einigen Jahrzehnten unzuverlässig geworden ist. Den Grund kennt er nicht genau: Er listet fünf mögliche Erklärungen (u. a. ein Erdbeben) auf – und findet keine überzeugende.

Historischer Kontext

Vom Konsul zum Kaiser: Das Spiel des Prinzipats

Nach dem Tod Julius Caesars (44 v. Chr.) und dem Ende des Bürgerkriegs (31 v. Chr.) stand Augustus vor einer undankbaren Aufgabe: Er hatte gewonnen. Aber wie sollte er das nennen? Nicht „König“ – das Wort war in Rom seit der Vertreibung der letzten Könige im Jahr 509 v. Chr. undenkbar. Niemals hätten sich freie römische Bürger wieder einem König gefügt.

Augustus löste das Problem mit Eleganz. Er nannte sich princeps – „erster Bürger“. Er behielt formal die Institutionen der Republik: Senat, Konsuln, Volkstribunen. Aber er häufte Befugnisse auf, die vorher auf viele Schultern verteilt waren: das militärische Kommando über die meisten Legionen und die priesterliche Aufgabe als Oberhaupt der Staatsreligion – den Titel Pontifex Maximus (wörtlich: „größter Brückenbauer“), den später die Päpste übernahmen. Eine Person hatte so alle Schlüssel in ihrer Hand. Das ist, was Historiker heute Prinzipat nennen: eine Monarchie dem Inhalt nach; eine Republik dem Namen nach.

Den Wechsel der Herrschaftsform spiegelt in dieser Zeit auch die Architektur wider. Augustus schreibt die Stadt um. Sueton überliefert den Satz, Augustus habe Rom als Stadt aus Ziegeln vorgefunden und als Stadt aus Marmor hinterlassen. Auch die Umgestaltung des Campus Martius („Feld des Kriegsgottes Mars“) gehört zu den großen Bauprogrammen des Kaisers. Hier stehen:

  • das Mausoleum: ein monumentaler Grabbau, den Augustus zu seinen Lebzeiten anlegen lässt, um seine spätere Verehrung zu gewährleisten
  • die Ara Pacis: der „Altar des Friedens“, der den Römern vor Augen führen soll, dass mit dem neuen Kaiser eine Zeit des inneren Friedens eingekehrt ist
  • das Horologium: die Sonnenuhr, für die der Obelisk aus Ägypten herbeigeschafft wird, um als Gnomon (Zeiger der Sonnenuhr) zu dienen. Ob dieser Zeiger tatsächlich zum Geburtstag des Kaisers den Schatten auf die Ara Pacis warf, ist eine faszinierende, aber nicht gesicherte Interpretation – die These stammt von Edmund Buchner (1976)

Drei Monumente mit einem unsichtbaren Zentrum: dem Kaiser selbst.

Das älteste Land der Welt: Ägypten aus römischer Sicht

Für einen Römer im Jahr 10 v. Chr. war Ägypten das, was für uns die Antike ist. Die Hochzeit der ägyptischen Zivilisation – die Zeit der Pyramidenbauer, der großen Pharaonen – lag für Augustus noch weiter zurück, als Augustus für uns heute zurückliegt. Die „Große Pyramide“, errichtet von Pharao Cheops, war bereits zweieinhalbtausend Jahre alt, als Caesar und Kleopatra unter ihr standen.

Dementsprechend bewunderten die Römer Ägypten mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Unverständnis. Sie sahen die Obelisken, die Sphinxen, die Tempelanlagen. Aber die Zeichen auf den Wänden – die Hieroglyphen – konnten sie nicht lesen. Für sie waren Hieroglyphen keine Buchstaben: Sie sahen aus wie Tier- und Götterbilder, wie Symbole einer geheimen Weisheit. Das Wissen um ihre Bedeutung war mit den Priestern ausgestorben, die die Hieroglyphen notiert hatten. Erst 1822 entschlüsselte Jean-François Champollion die Schrift mithilfe des Steins von Rosetta.

Der weite Weg: Transport eines Obelisken

Wie bekommt man einen 22 Meter langen, über 200 Tonnen schweren Granitstein von Heliopolis nach Rom? Mit enormem Aufwand – und eigens gebauten Schiffen. Plinius der Ältere beschreibt, wie die Römer beim Verladen vorgingen: Man grub einen Kanal vom Nil bis zum liegenden Obelisken. Zwei breite, schwer beladene Frachtschiffe wurden unter den Stein getrieben, ihre Rümpfe rechts und links des Kanals; der Stein lag mit seinen Enden auf den Schiffswänden. Dann wurden Ballastblöcke entfernt, die Schiffe stiegen, der Stein senkte sich auf die Decks herab.

Diese „Obeliskenschiffe“ fuhren dann den Nil hinunter nach Alexandria, über das Mittelmeer, den Tiber hinauf nach Rom.

Was aus dem Zeiger wurde

Bis ins 8. Jahrhundert stand der Obelisk auf dem Campus Martius noch aufrecht. Dann fiel er – aus unbekannten Gründen. Im Mittelalter versank er in Erdschichten, mit denen der Tiber das antike Rom tief unter sich begrub. Im Jahr 1512 stieß man ihn wieder auf, ließ ihn aber zunächst liegen. Erst Papst Pius VI. ließ ihn gegen Ende des 18. Jahrhunderts ausgraben und auf der Piazza di Montecitorio – vor dem heutigen Parlamentsgebäude – neu aufstellen. Dort steht er bis heute.

Auf einen Blick
  • ca. 590 v. Chr.: Pharao Psamtik II. lässt den Obelisken in Heliopolis errichten
  • 30 v. Chr.: Augustus besiegt Marcus Antonius und Kleopatra – Ägypten wird römische Provinz
  • ca. 10 v. Chr.: Der Obelisk wird als Gnomon des Horologium Augusti auf dem Campus Martius aufgestellt
  • ca. 77 n. Chr.: Plinius notiert: seit Jahrzehnten stimmt der Kalender nicht mehr
  • 1789: Papst Pius VI. lässt den Obelisken auf der Piazza di Montecitorio wieder aufrichten
Rekonstruktion

Über die Technik der Aufrichtung in Rom selbst schweigt die antike Literatur. Die KI-Rekonstruktion hat ein historisches Vorbild aus einer anderen Zeit: die Darstellungen, die der Architekt Domenico Fontana nach seiner größten Leistung anfertigen ließ.

Rekonstruktion: Aufrichtung des Obelisken auf dem Marsfeld, ca. 10 v. Chr. KI-Rekonstruktion

Auch wenn antike Quellen wenig verraten, so könnte die Errichtung des Obelisken auf dem Marsfeld ausgesehen haben.

Domenico Fontana richtet 1586 den Vatikan-Obelisken auf dem Petersplatz auf. Kupferstich von Niccola Zabaglia, 1743. Wikimedia Commons

1586 richtete Domenico Fontana einen Obelisk auf dem Petersplatz in Rom auf. 900 Männer, 75 Pferde und unzählige Flaschenzüge waren nötig, um das Monument aufzurichten. (Abb.: Niccola Zabaglia, 1743)

Fontana und der Vatikan-Obelisk (1586)

Im Jahr 1586 erhielt Fontana von Papst Sixtus V. den Auftrag, den Vatikan-Obelisken – über 300 Tonnen Granit, seit Caligulas Zeiten an anderer Stelle im heutigen Vatikan aufgestellt – um rund 250 Meter zu versetzen und vor dem Petersdom neu aufzurichten. Fontana gewann einen Wettbewerb gegen 500 andere Entwürfe. Seine Lösung: ein hölzernes Gerüst (castello) um den Obelisken, ein System aus Seilen, Flaschenzügen und Winden, angetrieben von über 800 Arbeitern und mehr als 100 Pferden. Koordiniert wurde die Aktion durch Trompetensignale – Stille war Pflicht, Lärm konnte alles ruinieren. Ein einziger Zwischenfall ist überliefert: Ein Matrose rief mitten in der Stille „Acqua alle funi!“ – „Wasser auf die Seile!“ –, weil das Hanfseil unter dem Gewicht zu reißen drohte. Es rettete den Obelisken. Fontana dokumentierte die Aktion in einem Buch (1590) mit präzisen Zeichnungen – der ältesten detaillierten Dokumentation einer Obeliskenaufrichtung.

Was wir für die Antike erschließen können – und wo die Grenzen sind

Kein antiker Autor beschreibt, wie die Römer einen Obelisken in Rom aufrichteten. Wir wissen nur das Ergebnis: Er stand. Erschließen können wir: Seile, Flaschenzüge und Winden waren dem antiken Bauwesen bekannt; große Hubprojekte – Tempel, Aquädukte, Hafenanlagen – gehörten zur römischen Alltags-Ingenieurskunst. Ein Holzgerüst als Träger ist die plausibelste Annahme.

Ein wichtiger technischer Unterschied zwischen Antike und Neuzeit: Fontana konnte Metallkonstruktionen, genauer berechnete Statik und industriell gefertigte Seile einsetzen. Den Römern fehlte das – ihr Holz- und Hanfwerk musste entsprechend massiver ausfallen. Ob Erdrampen eingesetzt wurden (in anderen antiken Kontexten belegt), bleibt offen. Das Bild greift auf Fontanas Darstellung zurück: als beste verfügbare Vorlage für einen Vorgang, den die Antike nicht in Bildern überliefert hat.

Quellen & Weiterlesen
Weiter lesen, schauen und staunen

Primärquellen

  • Plinius d. Ä., Naturalis Historia 36,71–73 (Obelisken in Rom; Horologium; Transporttechnik)
  • CIL VI 702 = ILS 91 (Sockelinschrift des Obelisken auf dem Campus Martius)
  • Domenico Fontana: Della transportatione dell’obelisco Vaticano. Rom 1590. (frühneuzeitliche Dokumentation der Aufrichtungstechnik)

Sekundärliteratur

  • Buchner, Edmund: Die Sonnenuhr des Augustus. Mainz: Zabern, 1982. (archäologische Entdeckung 1979; These zur Ausrichtung auf die Ara Pacis – teilweise diskutiert)
  • Zanker, Paul: Augustus und die Macht der Bilder. 5. Aufl. München: C. H. Beck, 2009.
  • Bringmann, Klaus: Augustus. Darmstadt: Primus Verlag, 2007.
  • Dahlheim, Werner: Augustus. AufrÜhrer, Herrscher, Heiland. Eine Biographie. MÜnchen: C. H. Beck 2010.

Internetquellen