800. Geburtstag der Stadt Rom
Rom feiert sich selbst – kommen Sie zum größten Stadtfest der Antike.
Das erwartet Sie
Der 21. April riecht nach Weihrauch, Zedernholz und frischem Blumengrün. Auf dem Kapitol führen Priester den Opferzug an – verschleierten Hauptes, einen weißen Stier vor sich. Kaiser Claudius steht am Altar: Heute feiert die Stadt sich selbst. Im Jahr 47 n. Chr. begeht Rom seinen 800. Geburtstag.
Das Datum geht auf Marcus Terentius Varro zurück, den gelehrtesten Römer seiner Zeit, der es aus Königslisten und Berechnungen auf den 21. April 753 v. Chr. festlegte. Was er nicht wissen konnte: Dieser Tag würde eine Stadt über Jahrhunderte mit Festen, Spielen und Staatszeremonien beschäftigen. Das alte Parilienfest (Parilia) zu Ehren der Herdengöttin Pales ist längst zum nationalen Gründungsfeiertag geworden – und Claudius hat es mit Sonderspielen und Staatszeremonien aufgewertet, Jahrhundertspielen, die Rom als ewige Stadt feiern sollen.
Die Foren sind mit Girlanden geschmückt, an allen öffentlichen Tempeln brennen Opferfeuer, und im Circus Maximus hat der Festbetrieb schon begonnen. Heute lohnt sich ein früher Aufbruch.
- Datum: 21. April 47 n. Chr. – 800. Jahrestag der Stadtgründung nach varronischer Zählung
- Route / Ort: Kapitol und Forum Romanum (Route: Stadt & Macht)
- Kleidung: Toga oder Festgewand; Blumen für Haar und Hände sind keine Übertreibung
- Hinweis: Besorgen Sie sich Plätze im Circus Maximus frühzeitig. Und prüfen Sie, ob Claudius tatsächlich am Altar erscheint – oder ob sein Bild die Aufgabe übernimmt.
Highlights auf einen Blick
- Parilia-Opferzug: Verschleierte Priester, weißer Stier, Altarfeuer vor dem Jupiter-Tempel auf dem Kapitol
- Lupa Capitolina: Die bronzene Wölfin mit Romulus und Remus, Wahrzeichen der Stadtgründungslegende
- Ludi saeculares: Sonderspiele im Circus Maximus, veranstaltet von Kaiser Claudius zu Roms Jubiläum
- Forum im Festschmuck: Girlanden, Weihrauchschwaden, Menschenmassen aus allen Vierteln der Stadt
Nutzerstimmen aus der Antike
Vergil: Aeneis I,278–279. – Vergil (70–19 v. Chr.) schrieb die Aeneis im Auftrag des Kaisers Augustus. Das Werk sollte Rom eine mythische Gründungserzählung geben. Damit erhielt auch Claudius' Fest später die ideologische Grundlage.His ego nec metas rerum nec tempora pono: / imperium sine fine dedi.
„Für sie [die Stadt Rom] setze ich keine Grenzen der Dinge und der Zeiten: / eine Herrschaft ohne Ende habe ich ihr gegeben.“
Historischer Kontext
Ein Jubiläum mit Kalkül
Im Jahr 47 n. Chr. feierte Kaiser Claudius den octingentesimus natalis urbis – den 800. Jahrestag der Stadtgründung. Belegt ist dies bei Sueton (Divus Claudius 21) und Cassius Dio (60,17). Es war das erste historisch fassbare Jubiläum dieser Art.
Von 753 v. Chr. bis 47 n. Chr. – die Rechnung geht auf. Claudius, der Gelehrte auf dem Kaiserthron, wusste um die Macht der Geschichte. Dieser Kaiser war kein militärischer Selbstdarsteller wie manche seiner Vorgänger und Nachfolger. Er verstand sich als Historiker. Er verfasste Werke über etruskische Geschichte und alte römische Institutionen – die heute leider verloren sind. Das Jubiläum war daher nicht nur ein Fest, sondern eine historisch bewusst gesetzte Inszenierung.
Woher stammt das Datum 753 v. Chr.?
Als gesichert galten den Römern zwei Eckdaten: der Untergang Trojas (traditionell datiert auf 1184 v. Chr. – auch dies aus heutiger Sicht ein mythisches Datum) und der Beginn der Römischen Republik (509 v. Chr.). Dazwischen lagen die Könige von Alba Longa und die sieben römischen Könige – je nach Zählung kam man auf verschiedene Ergebnisse. Die genaue Berechnung geht auf den Gelehrten Varro (1. Jh. v. Chr.) zurück. Er datierte die Gründung Roms in das 3. Jahr der 6. Olympiade, was nach moderner Umrechnung 753 v. Chr. ergibt. Den genauen Tag lieferte eine andere Tradition: Der 21. April war bereits zuvor das Fest der Parilia zu Ehren der Hirtengöttin Pales. Die Verbindung von Hirtenfest und Stadtgründung war symbolisch passend: Rom beginnt als Hirtenstadt – und wird Weltmacht.
Heraus kam ein historisches Datum für eine mythologische Überlieferung: der 21. April 753 v. Chr.
Der Mythos
Die Gründungsgeschichte selbst reicht noch weiter zurück – bis nach Troja. Nach dem Fall der Stadt Troja, so erzählt es Vergil in seiner Aeneis, flieht der trojanische Königssohn Aeneas mit seinem Vater Anchises auf dem Rücken und seinem Sohn Ascanius an der Hand. Nach langer Irrfahrt über das Mittelmeer landet er an der Küste Latiums und gründet Lavinium. Sein Sohn Ascanius gründet Alba Longa. Generationen später werden dort die Zwillinge Romulus und Remus geboren – Söhne des Kriegsgottes Mars und der Priesterin Rhea Silvia. Ausgesetzt, von einer Wölfin gesäugt, von einem Hirten aufgezogen, wollen die Brüder als junge Männer eine eigene Stadt gründen. Am Ende steht ein Brudermord: Romulus tötet Remus, weil dieser keck über die Mauer gesprungen war, die Romulus der Stadt gegeben hatte. Rom wird auf Blut gegründet – aber es wird gegründet.
Archäologie und Stadtwerdung
Was sagt die Archäologie? Sie kennt keine Stadtgründung, sondern eine allmähliche Stadtwerdung. Zwischen 1300 und 1000 v. Chr. entstanden erste Siedlungen und Gräber an der späteren Stelle Roms, zuerst vermutlich auf dem Hügel Palatin. Zwischen 640 und 580 v. Chr. – in der frühen Königszeit Roms – verdichtete sich die Besiedlung um den späteren Stadtkern: Aus Hütten wurden Häuser mit Ziegeldächern. Der sumpfige Boden zwischen den Hügeln wurde trockengelegt – durch die cloaca maxima, eine große Entwässerungsanlage. Wo vorher Sumpf war, entstand Platz für das Forum Romanum.
Rom entstand also schrittweise. Der „Geburtstag“ ist ein symbolisches Datum – aber gerade deshalb politisch wirksam.
Auf einen Blick
- 753 v. Chr. – Überliefertes Gründungsdatum nach varronischer Zählung (ab urbe condita)
- 21. April – Ursprünglich Parilia; unter Augustus offizieller Stadtgeburtstag (Natalis Urbis)
- 47 n. Chr. – Kaiser Claudius feiert das 800. Stadtjubiläum mit Spielen und Staatszeremonien
Rekonstruktion
KI-Rekonstruktion
So könnte das Staatsopfer zum Parilia-Fest auf dem Forum Romanum am 21. April 47 n. Chr. ausgesehen haben (KI-Rekonstruktion)
Capite velato – der verschleierte Priester
Der Hauptoffiziant steht am Altar in weißer Toga, die Opferschale in der erhobenen Hand; das Haupt ist mit dem Togasaum bedeckt. Dies ist der capite velato, die für römische Staatsopfer konstitutive Haltung. Ovid und Plinius belegen, dass der Opfernde das Gesicht verhüllt, als rituelle Vorschrift des römischen Staatskults (nicht als Privatfrömmigkeit). Dass die Toga keine klar erkennbare Purpurbordüre zeigt, lässt offen, ob der Dargestellte Kaiser Claudius selbst ist oder ein pontifex in seinem Auftrag. Die persönliche Teilnahme des Claudius am Ritual gilt für einen Akt dieser staatspolitischen Bedeutung als plausibel.
Die ara – der Altar
Am steinernen Altarblock lodert ein kontrolliertes Feuer; weißer Rauch zieht senkrecht auf; Lorbeer- und Blütengirlanden umkränzen Stufe und Altaraufsatz. Das Feuer entspricht dem, was antike Quellen für ein sacrificium publicum beschreiben: kein Scheiterhaufen, sondern ein sakral begrenztes Opferfeuer aus Kohle und Weihrauch. Die Girlanden aus Lorbeer und Blüten (vittae, corona) sind für das Parilienfest bei Ovid (Fasti IV) ausdrücklich erwähnt. Die mola salsa – das Salzschrot, das über Tier und Altar gestreut wurde – ist im Bild angedeutet, aber nicht eindeutig lesbar; ihre Präsenz ist für jeden römischen Ritus des öffentlichen Kultes als gesichert vorauszusetzen.
Der bos albulus – der weiße Stier
Links im Bild ein großer weißer Stier; sein Fell mit weißen Blütengirlanden geschmückt, am Nacken helle Bänder. Weiß ist die Farbe des höchsten Staatsopfers: bos albulus oder taurus candidus galt Jupiter und den obersten Staatsgöttern. Die Bänder (vittae) sollten idealtypisch aus Wolle gesponnen sein – das Bild zeigt helle Bänder, deren Material sich nicht eindeutig bestimmen lässt. Die Gesamtausstattung des Tieres entspricht dem, was kaiserzeitliche Münzbilder und Triumphreliefs dokumentieren.
Der tibicen – der Flötenspieler
Im Mittelgrund eine Figur mit Blasinstrument. Antike Staatsopfer wurden ohne Ausnahme von einem tibicen musikalisch begleitet: Die Doppelrohrflöte (tibiae geminae) hielt die rituelle Stille aufrecht und verhinderte, dass störende Laute das Opfer ungültig machten. Das Bild zeigt die kultische Funktion; das Instrument lässt sich nicht eindeutig als Doppelrohrflöte identifizieren.
Die Tempelarchitektur
Im Hintergrund eine vollständige Tempelfassade mit Säulen, Architrav und Giebel; an den architektonischen Gliederungselementen Spuren polychromer Farbfassung in Ocker und Rot. Antike Tempel waren nicht weiß, sondern vielfach farbig gefasst. Die Ocker- und Rottöne entsprechen dem, was Befunde zu kaiserzeitlicher Architektur am Forum Romanum nahelegen. Welches Gebäude gemeint ist – ob der Saturnustempel, die Basilica Aemilia oder ein anderer Bau – bleibt im Bild offen; das Bild zeigt eine historisch plausible Rekonstruktionskulisse, keine archäologisch gesicherte Ansicht eines bestimmten Bauwerks.
Die soziale Staffelung
Um den Altar Togati in der Nähe des Altars, Assistenten in kürzeren Tuniken und Zuschauer in dichter Menge im Hintergrund. Diese Staffelung – Amtsträger und Priesterschaft am Ritual, freie Bevölkerung als Zeugen und Mitfeiernde – ist für Staatsopfer der frühen Kaiserzeit durch Bildquellen und literarische Belege gut dokumentiert. Für das Jubiläumsfest von 47 n. Chr. ist eine breite öffentliche Teilnahme zu erwarten, auch wenn die genaue Zusammensetzung des Publikums nicht quellengestützt rekonstruierbar ist.
Quellen & Weiterlesen
Weiter lesen, schauen und staunen
Primärquellen
- Ovidius Naso: Fasti IV,721–862. (Ausführlichste antike Beschreibung des Parilia-Festes.)
- Suetonius: Divus Claudius 21. (Ludi saeculares unter Claudius.)
- Tacitus: Annales XI,11. (Kritische Notiz zur Terminberechnung der Saecularia.)
- Varro: De Lingua Latina V,21. (Zum Gründungsdatum und zur Wortherkunft von Roma.)
- Vergilius Maro: Aeneis I,278–279. (Jupiters Verheißung der ewigen Herrschaft.)
Sekundärliteratur
- Scullard, H. H.: Festivals and Ceremonies of the Roman Republic. London: Thames & Hudson 1981.
- Holland, Tom: Rubikon. Triumph und Tragödie der Römischen Republik. Stuttgart: Klett-Cotta 2015.
- Weeber, Karl-Wilhelm: Ganz Rom in 7 Tagen. Ein Zeitreiseführer in die Antike. Darmstadt: Primus 2008.